Es ist die immer gleiche Hoffnung, die einen verwirrt, wenn man nach Abschluss der Jahresendfeiern wieder im Alltag ankommt: Vielleicht wird dieses Jahr ja mal etwas ruhiger, entspannter. Das Gute ist: Die Verwirrung hält nicht lang an. Ein kurzer Blick in den E-Mail-Eingangsordner reicht. Manche behaupten dann tatsächlich, die moderne Informationstechnik sei schuld, dass wir so gehetzt sind. Das ist natürlich nicht ganz falsch, aber auch nur die halbe Wahrheit. Denn niemand zwingt uns, jeden iQuatsch oder Smartblödsinn um 22.56 Uhr anzuknipsen und Nachrichten wie diese zu lesen: "Hi, es tut mir so leid, aber ich kann morgen leider nicht zum Babysitten kommen, weil ..." Wir lesen das, und die Information ist da, sie zwingt uns zur schnellen multiplen Reaktion, zur inneren ("Dumme Nuss! Wie soll ich um diese Zeit noch Ersatz finden?") und zur äußeren ("Kein Problem. Gute Besserung!").
Informationelle Totalverweigerung wäre eine Möglichkeit, erfordert aber Disziplin und die Bereitschaft, die Katastrophe zu ertragen ("Wo bleibt der verdammte Babysitter?"). Besser ist die bewusste Verlangsamung der Kommunikationsmittel, wie sie zum Beispiel der Technologieberater Clay Johnson empfiehlt: Nix mehr Breitbandverbindungsterror oder superschnelles 4G-Mobilfunken - wir dimmen die hektische Infotechnik mit speziellen Filtern runter auf unser Lebenstempo. So bleiben wir angeschlossen an den Nachrichtenfluss, nur eben fließt er langsamer.
Es gibt da jedoch ein Problem: Die Sender der Nachrichten ahnen das mit der Verlangsamung. Und so rufen Babysitter um 22.57 Uhr an: "Hi, wollt nur sagen: Ich hab euch grad eine Mail geschrieben wegen morgen."
Quelle:
Financial Times Deutschland 04.01.2012
