Small is beautiful - so lautete der Titel eines Buches, das Ernst Friedrich Schumacher im Jahr 1973 veröffentlichte. Darin warnte der vor 100 Jahren geborene Ökonom vor der Schattenseite von Wachstum und Fortschritt und forderte von der Wirtschaft eine "Rückkehr zum menschlichen Maß" (so der Titel der deutschen Ausgabe). Schumachers Kritik am Credo des Kapitalismus "Je größer, desto besser" ist heute aktueller denn je. Doch trotz Banken- und Weltwirtschaftskrise setzen westliche Gesellschaften noch immer auf Wachstum - "weniger" ist für sie keine Option. Aber auch in der Vorstellung vieler Menschen ist "weniger" nur dann "sexy", wenn es darum geht, möglichst wenig Geld für ein Produkt auszugeben: Geiz ist geil! Ansonsten weckt "weniger" Assoziationen an Verzicht, an Mangel, an Einschränkung.
Doch mit Verzicht hat das Konzept des "Weniger ist mehr" nichts zu tun, wie der US-Psychologe und Bestsellerautor Peter Walsh betont. Weniger bedeutet vielmehr: weniger Dinge, die uns belasten, weniger Stress, weniger Sorgen, weniger Abhänigkeit, weniger Frustration. Dafür aber mehr Freiheit, zu tun, was wir wirklich wollen, mehr Einfachheit, mehr Entspannung. Walsh fordert zum Nachdenken auf: "Wie wäre Ihr Leben, wenn es nicht gefüllt wäre mit viel Müll und unnützen Gegenständen? Wie würde Ihre Wohnung aussehen, wenn nur halb so viele Dinge in ihr stünden? Wie wäre es wenn sie nur halb so viele Rechnungen bezahlen müssten?" Schon allein aus diesen simplen Fragen werde ersichtlich, dass weniger tatsächlich mehr bedeutet.
Doch wie ist dieses "Weniger" zu bewerkstelligen? Antworten drauf findet man bei der Bewegung, die sich das Downshifting, das Runterschalten zum Programm gemacht hat. Deren Anhänger wollen dem ungezügelten Kapitalismus mit all seinen psychischen und sozialen Kosten entkommen. "Downshifter ziehen die Notbremse", schreibt der Psychologe Werner Gross. "Sie versuchen sich wieder auf das Wesentliche im Leben zu konzentrieren. Sie wollen sich aus den Tretmühlen der Überflussgesellschaft befreien: ja, all den überflüssigen Plunder, der sich in Beruf, Wohnung, Körper, Geist und Seele angesammelt hat, endlich loswerden und herausfinden, was sie wirklich brauchen, was sie wirklich wollen, wie und womit sie ihre Zeit verbringen". Tracy Smith, eine Ikone der Downshifting-Bewegung in den USA und Großbritannien, fasst den Sinn und Zweck von Downshifting in einem Satz zusammen: "Denken Sie daran: Je mehr Geld Sie ausgeben, desto mehr Zeit müssen Sie aufbringen, um es zu verdienen, und desto weniger Zeit steht Ihnen zur Verfügung für die Menschen, die Sie lieben."
Quelle: Auszug aus dem Bericht in PSYCHOLOGIE HEUTE - Ausgabe Januar 2012